Ein deutscher Manager errichtete im Reich der Tiere ein Institut für die Ausbildung von Führungskräften. Er entwickelte ein Trainingskonzept, durch welches das Tier mit den besten Leistungen ermittelt werden sollte. An dem Trainingsprogramm nahmen der Adler, die Ente, der Hase, das Eichhörnchen und die Qualle teil. Die Tiere wurden intensiv geschult und auf ihre Abschlussprüfung vorbereitet. Alle bekamen die gleiche Aufgabenstellungen: einen Baum hochklettern, von der Baumkrone herunterfliegen, einen Teich durchschwimmen und um den Teich laufen.
Es war herrlich anzusehen, wie der Adler am ersten Trainingstag majestätisch durch die Lüfte schwebte. Die anderen Disziplinen bereiteten ihm allerdings erhebliche Schwierigkeiten. Beim Lauf um den Teich verletzte er sich einen Flügel. Das führte zu einer deutlichen Beeinträchtigung beim Fliegen. Anderen Tieren ging es ähnlich. Die Ente zerfetzte ihre Schwimmhäute beim Versuch, den Baum hochzuklettern, der Hase brach sich beim Flug von der Baumkrone seine Vorderläufe und das Eichhörnchen wäre beim Schwimmen beinahe abgesoffen. Durch ihre Blessuren waren die Tiere in ihren Spezialdisziplinen längst nicht mehr so gut wie vorher.
Nach wochenlangem hartem Training war das Programm beendet. Jetzt wurde ausgewertet und gerechnet. Wer hatte am Ende die Nase vorn? Die Tabellen vermittelten ein überraschendes Ergebnis: Klassenbester war die Qualle! Mit ihrer glitschigen, schleimigen Art erbrachte sie in allen Disziplinen halbwegs mittelmäßige Leistungen, mogelte sich durch die Prüfung und wurde so zum Sieger gekürt.
Die Qualle nahm an einem weiteren Trainee-Programm teil und bekam anschließend einen Posten im mittleren Management eines bekannten deutschen Konzerns. Die Ente bekam auf ihrem Abschlusszeugnis gerade noch eine vier im Klettern, weil sie sich immerhin bemüht hatte. Sie arbeitete weiter an ihrer Klettertechnik und bekam einen Job als stellvertretender Baumkletterer. Das Eichhörnchen bewarb sich zwar ebenfalls um diesen Posten, entsprach aber nicht den Vorstellungen des Personalchefs. Aufgrund seiner Statur hätte er wahrscheinlich nicht das erforderliche Durchsetzungsvermögen für eine derartige Tätigkeit. Es gäbe aber noch eine freie Stelle in der Schwimmabteilung. Wenn sich das Eichhörnchen dort bewährt hätte, würde man weitersehen.
Der Hase machte sich schwere Vorwürfe. So sehr er sich auch anstrengte, er bekam die Sache mit dem Fliegen einfach nicht hin. Er fühlte sich als totaler Versager, erkrankte an einer Depression und wurde in eine geschlossene Klinik eingewiesen.
Der Adler hatte nach einigen erfolglosen Versuchen die Schnauze voll von der deutschen Karieremaschinerie. Jetzt hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, mal als Läufer, mal als Schwimmer. Im Gegensatz zu seinen Kollegen, hat er wenigstens noch Zeit für sein Hobby. Den ganzen Tag wartet er darauf, dass es endlich 17 Uhr wird. Dann kann er endlich das machen, wofür sein Herz schlägt. Er trainiert die C-Jugend des VFL Powerflug. Mit Leidenschaft und Hingabe gibt er seine Erfahrungen an die Kids weiter. Letztes Wochenende haben “seine Jungs” ein sensationelles Unentschieden gegen den Tabellenführer erzielt - und das sogar auswärts. Innerhalb von nur acht Monaten hat er die Mannschaft vom vorletzten Platz auf eine Position im oberen Tabellendrittel geführt. Schade, dass er nie auf die Idee gekommen ist, sich als Fluglehrer selbstständig zu machen. Er wäre sicherlich mit seiner genialen, selbst entwickelten Trainingsmethode auch über die regionalen Grenzen hinaus bekannt und erfolgreich geworden. Durch seine begeisternde und mitreißende Art, hätte er dem Nachwuchs für professionellen Flugsport zu einem wahren Segen werden können.
Was wäre, wenn Ente, Hase und Eichhörnchen nach einem Weg gesucht hätten, um ihre Gaben voll zu entfalten? Sie würden ihre Berufung leben und wären eine Bereicherung für andere.
Der Hase ist durchgeknallt, weil er seinen Focus ständig auf seinen Mangel gelenkt hat. Mit der Zeit erschienen ihm seine Defizite so übermächtig, dass er sein gesamtes Leben nur noch negativ bewertet hat. Die anderen leben in ihrer stumpfen Mittelmäßigkeit, gehen widerwillig einer Arbeit nach, die sie ankotzt und haben ihre Vision begraben. Die Chance für ein erfülltes Leben haben sie nicht ergriffen.
Zum Glück handelt es sich hier nur eine erfundene Tiergeschichte und hat nichts mit Dir und Deinem Leben zu tun - oder?
Inspiriert zu dieser kleinen Geschichte hat mich der Beitrag “Wofür halten Sie sich eigentlich?” im “Depeche Mind Blog“. Mit von der Partie ist mal wieder der geniale Dr. Eckart von Hirschhausen: “Stärken zu stärken ist so viel sinnvoller, als an seinen Schwächen herumzudoktern.” Auch mit seiner nächsten Behauptung hat er recht: “Wenn man als Pinguin geboren wurde, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus Dir in diesem Leben keine Giraffe.”
Druck, Stress, Hektik und das Bemühen um die besten Plätze im täglichen Kampf um Erfolg und Anerkennung - kennt Ihr so etwas? Wie sieht eigentlich ein Leben voller Gelassenheit und Souveränität aus? Im Juni ist mir eine Antwort “zugeflogen”.
An einem Sonntag unternahmen wir einen Familienausflug nach Detmold zum Hermannsdenkmal. Meine Frau schlug vor, anschließend den benachbarten Vogelpark Heiligenkirchen zu besuchen. Sie hätte gehört, dass es da recht nett wäre. Also fuhren wir hin und wurden nicht enttäuscht.
Dort gibt es eine schöne Parkanlage, wo über 300 Tierarten aus aller Welt in großen Volieren und Freigehegen leben. Der Name lässt schon darauf schließen, dass es sich hier überwiegend um Vögel handelt. Wir sahen aber auch andere Tiere wie Präriehunde, Känguruhs und Affen. Letztere zogen unseren Jüngsten, Tom Luca, magisch an. Diese Totenkopf- und Weißbüscheläffchen waren aber auch sehr putzig.
Um 15 Uhr gab es eine Führung inklusive Fütterung. Katja Mikus, die Biologin des Vogelparks, erzählte sehr informativ und liebevoll über das Verhalten der Tiere. Die Kinder hatten einen Riesenspaß. Sie durften nämlich alle beim Füttern helfen. Einige Vögel bekamen Körner, andere Brot, wieder andere Hühnchen. Das Füttern mit lebendigen Mehlwürmern war Tom Luca nicht ganz geheuer. Lauter Gekrieche auf der eigenen Hand - das sollten lieber die anderen Kinder machen.
“Nah ran gehen - nicht aus der zweiten Reihe werfen”, hörte man Frau Mikus rufen. Verständlich, denn wer möchte schon einen Satz kriechender Mehlwürmer in seinen Kragen bekommen. Das Highlight für die Kinder und einige Erwachsene sollte aber noch kommen. Nach der Fütterung gingen wir zur Streichelwiese für Papageien. Die Vögel setzen sich auf die Schulter, fraßen aus der Hand und ließen sich problemlos streicheln.
So etwas sollte man aber nur in dem dafür vorgesehenen Bereich tun. Kurz hinter dem Eingangsbereich sitzt der Papagei Max. Der lässt sich nicht anfassen. Wenn man es trotzdem versucht, könnte es sein, dass er beißt. Ich habe beobachtet, wie er mit seinem starken Schnabel ganz locker eine harte Nuss geknackt hat. Es könnte also ziemlich unangenehm werden, wenn Max zuhackt.
Obwohl das Erlebnis mit den Papageien etwas Besonderes hatte, ist etwas anderes der Hauptgrund für meinen Bericht. Dazu müssen wir noch einmal zurück, zur letzten Station der Fütterung. In einem Gehege mit ausschließlich afrikanischen Vögeln warteten Kormorane, Ibisse, Kraniche, Pfeifenten und Marabus auf ihre Fischration. Während Frau Mikus uns einige Erläuterungen gab, versuchte ein gieriger Pelikan, schon vorher den Fisch zu klauen. Hin und wieder bekam er von Frau Mikus einen Klaps auf seinen weit aufgerissenen Schnabel. So richtig half das aber nicht, denn er drängelte sich immer wieder vor. Dann wurden die Fische durch die Luft geworfen und es entbrannte ein hektischer Kampf um die Futterstücke. Alle Vögel waren in heller Aufregung - mit einer Ausnahme.
Zwei Sattelstörche standen ganz cool in der zweiten Reihe und ließen sich nicht von den umher rennenden Tieren aus der Ruhe bringen. Mit enormer Sicherheit und meisterlichem Geschick fingen sie die Fische direkt aus der Luft, während die anderen sich mit dem begnügten, was in den Sand fiel. Wenn sie mal ausnahmsweise einen Fisch vom Boden aufhoben, fraßen sie ihn nicht sofort. Sie gingen einige Meter zurück zu einem Teich und wuschen den Fisch im Wasser. Die anderen Vögel verschlangen ihr sandiges Futter auf der Stelle, denn es galt ja, keine Zeit zu verlieren. Man könnte sonst den nächsten Fisch verpassen.
Auch durch ihre Größe waren sie den anderen Vögeln überlegen. Ein Sattelstorch kann bis zu 1,30 Meter lang werden mit einer Flügelspannweite von 2,50 Meter. Außer des Klapperns am Nest ist er ein stiller Vogel, allerdings ziemlich eitel. Der Schnabel ist schwarz-rot-gelb gefärbt. Man hätte ihn auch gut als Maskottchen für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nehmen können. Diese Idee hatten gleich mehrere Leute, weil am selben Tag noch das EM-Endspiel gegen Spanien stattfand.
Die darauf folgenden Tage hatte ich noch oft über das Erlebte nachgedacht. Das hektische Treiben der Vögel erinnerte mich stark an Situationen, wo eine “Fütterung” für uns Menschen stattfindet. Der Unterschied ist nur, dass keine Fische verteilt werden. Es geht um andere Dinge, die uns aber genauso wichtig sind, wie Fisch für die Vögel. Wir kämpfen darum, eine gute Ausgangsposition zu erhaschen und versuchen manchmal, uns auf Kosten anderer Menschen vorzudrängeln. Wenn dann das Geld anderer Leute, Anerkennung, gute Arbeitplätze, lukrative Aufträge oder menschliche Zuwendungen “durch die Luft geworfen werden”, versuchen wir in hektischer Art und Weise, zu kriegen, was irgendwie geht. Und wenn es auf den Boden fällt und dabei sandig wird - egal, besser als gar nichts.
Die “Sattelstörche” unter uns haben solch ein Verhalten nicht nötig. Sie sind sich ihrer Stärke bewusst und nehmen sich einfach das, was sie brauchen. Hektisches Verhalten ist ihnen fremd. Sie brauchen sich nicht mit den anderen um die Brocken zu schlagen. Sie nutzen die Gunst der Stunde und fangen das auf, was das Leben ihnen zuwirft. Wenn doch mal was “in den Sand gesetzt wurde”, dann wird es halt “bereinigt” und man kann es anschließend wieder genießen.
Egozentrisches Verhalten voller Gier und ständiger Angst, zu kurz zu kommen, bringt uns nicht weiter. Menschen mit Vertrauen und Souveränität sind das Licht dieser Welt. Werden wir wie die Sattelstörche!