Die Wahrheit (Teil 3) - Blick über den Tellerrand
Dienstag, 13. April 2010, 10:20 Uhr
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“Weil wir so überzeugt sind von der Richtigkeit unseres Urteils, leugnen wir Beweise, durch die dieses Urteil infrage gestellt wird. Auf diese Weise gelangt man zu nichts, was es verdienen würde, Wahrheit genannt zu werden.”
(Mariliynne Robinson)
“Was ist Wahrheit?” Diese Frage stellte schon Pontius Pilatus, als er Jesus verhörte. Gibt es überhaupt “die Wahrheit”? Wenn ja, sind wir überhaupt imstande, diese in vollem Umfang zu erkennen, oder sehen wir maximal einen Teilausschnitt? Existiert die “objektive Wahrheit” oder schaffen wir Menschen uns ohnehin immer nur unsere eigene subjektive Wahrheit? Wenn ich für mich die Wahrheit gefunden habe, wie gehe ich dann mit den Wahrheiten der Anderen um, wenn diese sich von meiner unterscheiden oder sogar im Widerspruch zu ihr stehen?
Ich glaube nicht, dass es einfache Antworten auf diese Fragen gibt. Wenn ich hier nun meine Sicht der Dinge darlege, dann resultiert diese aus der gewachsenen Erkenntnis meiner gelebten Erfahrungen.
Bevor ich loslege kommt noch ein Hinweis: Einiges aus diesem Beitrag könnt Ihr nur verstehen, wenn Ihr die Geschichte aus “Die Wahrheit (1) - Die Fenster des Turmes” gelesen habt. Falls Ihr das noch nicht getan habt, solltet Ihr Euch diesen Beitrag zuerst ansehen, anschließend “Die Wahrheit (Teil 2) - Das spirituelle Outing” und erst danach hier weiterlesen.
Als ich etwa 30 Jahre alt war, entdeckte ich meine Leidenschaft fürs Reisen. Die ersten zehn Jahre hatte ich eine besondere Vorliebe für “Rucksackreisen”, bei denen ich kreuz und quer durch verschiedene Länder zog. Neben zahlreichen Touren in Europa war ich auch vier Mal in Nordafrika, zwei Mal in Lateinamerika und außerdem in den USA, Thailand und Israel. Wenn ich an meine Erlebnisse auf einer nahezu einsamen Insel zwischen Kreta und Libyen denke, oder meine Rafting-Tour durch den Dschungel Costa Ricas, bekomme ich leuchtende Augen. Manchmal hatte ich das Glück, Dinge zu erleben, zu denen “normale” Touristen keinen Zugang haben. In Mexico lernte ich Einheimische kennen. Ich durfte bei ihnen wohnen und nahm am mexikanischen Alltagsleben teil.
Total abgefahren war mein Urlaub in Ägypten. Als einziger Ausländer fuhr ich in einem Bus von Kairo ans Rote Meer. Neben mir saß ein junger Ägypter namens Hassan, der beruflich in Hurghada zu tun hatte. Er traf sich dort mit zwei Architekten, die für dieselbe Firma arbeiteten wie er. Abends saß ich mit den drei Ägyptern zusammen und einer von ihnen forderte mich auf, etwas Musik zu machen weil er sah, dass ich meine Gitarre dabei hatte. Ich spielte ein paar Songs und die Jungs waren begeistert. Hassan machte mir einen Vorschlag, den ich nicht ablehnen konnte. Ich sollte mit meiner Musik auf der Hochzeit eines Freundes auftreten.
Meine geplante Tour in den Süden Ägyptens verkürzte ich um einige Tage, damit ich wieder rechtzeitig für die Hochzeitsfeier in Kairo war. Was ich dann erlebte, werde ich nie vergessen. Mein Auftritt bestand aus mehreren kurzen Sets und ich spielte im Wechsel mit einer arabischen Band. Das Publikum war bei meinen Liedern total aus dem Häuschen. Besonders bei “La Bamba” flippten sie regelrecht aus. Ich gab mindestens vier Zugaben. Die Leute riefen zwischendurch immer wieder “Arriba” und ich wusste, jetzt wollten sie schon wieder “La Bamba” hören. Möglicherweise war es einer meiner besten Auftritte, mit Sicherheit aber der außergewöhnlichste. Aber unabhängig von der Musik, war es für mich ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis, auf dieser ägyptischen Hochzeit mitfeiern zu dürfen.
Die letzten 1 1/2 Wochen meines Urlaubs verbrachte ich in Kairo. Hassan lud mich ein, in dieser Zeit bei seiner Familie zu wohnen. Auch diese Zeit wird immer in meiner Erinnerung bleiben. Zum Einen war ich sehr berührt von der unglaublichen Gastfreundschaft seiner Familie und den Spaß, den wir miteinander hatten. Außerdem hatte ich noch nie vorher in so kurzer Zeit so viele interessante Gespräche. Einer der Hauptthemen war die politische Situation im Nahen Osten. Ich war gerade in der Zeit in Ägypten, als kurz zuvor der Irak seinen Nachbarstaat Kuwait überfiel. In allen Diskussionen gab es niemanden, der das Verhalten Saddam Husseins billigte - ganz im Gegenteil: Die Ägypter waren einhellig der Meinung, dass das Verhalten Husseins nicht nur falsch war, sondern Schande über die gesamte islamische Welt brachte.
Das absolute Topthema in unseren Diskussionen war allerdings die Religion. Mir wurden überaus viele Fragen über den christlichen Glauben gestellt und ich erhielt meinerseits einen guten Einblick über den Islam. Wir fanden manche Gemeinsamkeiten und stellten auf der anderen Seite deutliche Unterschiede in unseren religiösen Auffassungen fest. Auch wenn wir nicht immer mit der Position unseres Gegenübers einverstanden waren, verliefen unsere Diskussionen immer friedlich und waren von gegenseitiger Achtung und Respekt gekennzeichnet.
Selbst mein leidenschaftlicher Disput mit einem Imam stellte kein Problem dar und wir konnten uns trotz unterschiedlicher Ansichten anschließend wieder freundschaftlich trennen. Ich habe aus diesen Gesprächen vor allem eines mitgenommen: Trotz unterschiedlicher und sogar gegensätzlicher Positionen kann man viel voneinander lernen, wenn man offen für den Anderen ist.
Uns Deutschen werden im Allgemeinen Tugenden wie Disziplin, Produktivität und ein hohes Maß an planerischem und organisatorischem Geschick nachgesagt. Auf der anderen Seite werden wir im Ausland oft als stur, unflexibel und verbissen gesehen. Nun ja, ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und habe dadurch natürlich eine ordentliche Portion gesellschaftlicher und kultureller Prägung abbekommen. Daran ist im Grunde nichts verkehrt und diese Prägung bestimmt einen Teil meiner Identität.
Wenn ich als Deutscher auf meinen Reisen in fremde Kulturen eintauche, dann kann ich dadurch meinen eigenen Horizont maßgeblich erweitert. Vieles, was ich in anderen Ländern erlebt habe, hat mein eigenes Leben positiv beeinflusst, sei es die arabische Gastfreundschaft, die strahlende Laune der Menschen Südostasiens, oder die heitere Leichtigkeit des Life-Styles Lateinamerikas. Werde ich dadurch selbst zum Ägypter oder Thailänder? Wenn ich einiges aus anderen Kulturen übernehme, verliere ich dadurch meine Identität als Deutscher? Nein, auf keinen Fall!
Wende ich jedoch das gleiche Prinzip auf meine Spiritualität an, wird das komischerweise von einige “frommen Christen” nicht akzeptiert. Da ist dann von “Religionsvermischung” die Rede, oder von einer angeblich unklaren Position gegenüber denen, welche “die Wahrheit des christlichen Glaubens” nicht erkannt haben. Dieser Tunnelblick hat aber nach meiner Auffassung nichts mit dem ursprünglichen Wesen des christlichen Glaubens zu tun, sondern mehr mit dem Pharisäertum, das auf die “Reinheit der eigenen Lehre” besonderen Wert legte.
Meine Identität als Deutscher bleibt unverändert, wenn ich von anderen Kulturen lerne und einige ihrer Verhaltensweisen übernehme. Genauso bleiben meine spirituellen Wurzeln in Christus begründet, auch wenn ich gerne über den Tellerrand schaue und von anderen Weltanschauungen lerne und sich mein eigenes Weltbild dadurch erweitert. Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass wir immer nur ein Teil des Ganzen erkennen können. Paulus hat das im 1. Korintherbrief sehr treffend ausgedrückt:
“Denn unsere Erkenntnis ist bruchstückhaft ebenso wie unser prophetisches Reden. Wenn aber das Vollkommene - das Reich Gottes da ist, wird alles Vorläufige vergangen sein. Als Kind redete, dachte und urteilte ich wie ein Kind. Jetzt bin ich ein Mann und habe das kindliche Wesen abgelegt. Noch ist uns bei aller prophetischen Schau vieles unklar und rätselhaft. Einmal aber werden wir Gott sehen, wie er ist. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt.”
Du kannst Dich drehen und wenden, wie Du willst: Aus Deiner Perspektive heraus gelingt es Dir immer nur einen Bruchteil des Gesamten zu erkennen. Leider machen manche aber häufig den Fehler, diesen Teilausschnitt für das Ganze zu halten und alle übrigen Perspektiven als falsch darzustellen. Die Männer in der Geschichte “Die Fenster des Turmes” haben anfangs nur die eigene Position verteidigt und die der Anderen abgelehnt. Im Laufe der Zeit haben sie sich für die Möglichkeit geöffnet, dass die Anderen noch etwas sehen könnten, was sie aus ihrem eigenen Blickwinkel heraus nicht erfassen konnten. Zuletzt haben sie sogar soviel Vertrauen zueinander entwickelt, dass sie gemeinsam eine Leiter zum Himmelsfenster gebildet haben und sie konnten so für einen Moment die gesamte Landschaft betrachten.
Ich glaube an Gott und an Jesus Christus. Es ist die Wahrheit, eine vorzügliche Wahrheit - die Wahrheit eines Fensters. Ich freue mich darauf, immer mehr über die Dinge zu erfahren, die man durch die anderen Fenster sehen kann.
Fotos © PIXELIO
“Sphinx und Pyramiden” von Irene Lehmann
“Der etwas andere Blickwinkel” von Ulla Trampert
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Die Wahrheit (Teil 2) - Das spirituelle Outing
Freitag, 9. April 2010, 15:33 Uhr
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Keine Angst - dieser Weblog ist nicht zu einem spirituellen Blog mutiert und es sollen hier auch in Zukunft weder religiöse, noch esoterische Themen im Vordergrund stehen. Trotzdem gehört Spiritualität und ein Leben mit Gott für mich genauso zum Mensch sein, wie zwischenmenschliche Beziehungen und Politik. Im letzten Jahr gab es meine “Gedanken zum Karfreitag” und in diesem Jahr bringe ich zur Osterzeit einige Aspekte über den Glauben. Außerdem habe ich manchmal einfach Lust, über die Dinge zu schreiben, die mich gerade gedanklich beschäftigen. Es kann aber auch sein, dass ich mit Anderen interessante Diskussionen führe und die daraus entstehenden Aspekte der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Dieser Beitrag ist ein Mix aus Beidem und beantwortet außerdem oft gestellte Fragen zu meiner Spiritualität mit einem “Rundumschlag”.
Wenn ich meine spirituelle Identität in wenigen Worten zusammenfassen soll, wähle ich die Beschreibung “ein Christ, der gerne über den Tellerrand blickt”. Ich bin mir aber dessen bewusst, dass die Begriffe “Christ” und “Tellerrand” vielfältige Assoziationen hervorrufen. Deshalb erläutere ich etwas genauer, was das für mich bedeutet und grenze mich gleichzeitig von denjenigen ab, die diese Begriffe ebenfalls verwenden, aber etwas Anderes darunter verstehen. Es gibt Leute, die sich als “Christ” bezeichnen und mit denen ich ungefähr so viele Gemeinsamkeiten habe, wie Dieter Bohlen mit dem Papst.
“Christ sein” hat für mich nicht in erster Linie etwas mit der Zugehörigkeit zu einer Kirche oder Denomination zu tun. Albert Schweitzer hat mal gesagt: “Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht.” “Christ sein” wird ebenfalls nicht durch meine ethischen und moralischen Werte bestimmt. Ich bin nicht deshalb Christ, weil ich irgendeiner Hilfsorganisation etwas spende, oder mich an einem sozialen Projekt beteilige. Ich bin auch nicht Christ, weil ich die Gebote einhalte und mich an vorgegebene Normen und Regeln halte. Nein, “Christ sein” wird durch etwas anderes definiert.
Interessant ist in dem Zusammenhang, warum Menschen das erste Mal als “Christen” bezeichnet wurden. In der Antike gab es eine Stadt namens Antiochia. Diese lag in einem Gebiet, welches damals zu Syrien gehörte und heute ein Teil der Türkei ist. In Antiochia lebte im ersten Jahrhundert eine Gemeinschaft von Gläubigen, welche von Außenstehenden “Christen” genannt wurden. An der Art und Weise, wie sie lebten, konnte man sehen, dass sie sich am Leben und der Lehre des Jesus Christus orientierten. Bemerkenswert dabei ist, dass sie sich nicht selbst so nannten, sondern von Anderen sozusagen dieses “Prädikat” erhielten.
Jesus selbst hat darauf hingewiesen, dass die Welt seine Nachfolger an der gelebten Liebe erkennen wird. Die Liebe bezeichnete er als das höchste Gebot und sie geht dabei in drei Richtungen, Liebe zu Gott, Liebe zu den Mitmenschen und Liebe zu sich selbst. In das Gebot der Liebe sind alle anderen Gebote eingeschlossen. Paulus hat das in seinem Brief an die Römer folgendermaßen ausgedrückt:
“Seid niemand etwas schuldig, als dass ihr einander liebet; denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Forderung: ‘Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, lass dich nicht gelüsten’ und welches andere Gebot noch sei, wird zusammengefasst in diesem Wort: ‘Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!’ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.”
Anders ausgedrückt: Wenn Du von der göttlichen Liebe erfüllt bist und Deinen Nächsten liebst wie Dich selbst, brauchst Du Dich nicht mehr bemühen, irgendwelche anderen Gebote einzuhalten. Du tust dann automatisch das Richtige! Wenn Du diese Liebe nicht lebst, dann ist das Einhalten der übrigen Gebote sowieso für’n A… und alle religiösen Anstrengungen kannst Du auch gleich in die Tonne kloppen. Paulus hat das im 13. Kapitel des
1. Korintherbriefes hervorragend zum Ausdruck gebracht. Dieser Text ist wunderschön und es lohnt sich unbedingt, ihn zu lesen. Wenn Ihr hier klickt, findet Ihr eine besonders poetische Übersetzung.
Was viele, die sich “Christen” nennen, vom 4. Jahrhundert an bis in die heutige Zeit praktizieren, hat leider wenig mit dem zu tun, was Jesus und die ersten Christen gelebt haben. Das dunkelste Kapitel der Kirchengeschichte war sicherlich das Mittelalter mit seinen Kreuzzügen, Hexenverbrennungen und Inquisitionen. Es ist so etwas von widersinnig, dass man diese Taten im Namen Christi beging und damit im krassesten Widerspruch zu seiner Lehre stand, wie man sich das überhaupt vorstellen kann.
Auch wenn es heute vielleicht nicht mehr so gewaltsam zugeht wie damals, haben sich kirchliche Lehren bis zum heutigen Tage gehalten, die Jesus selbst nie und nimmer gewollt hat. Quer durch die Bank aller Konfessionen findet man Gemeinden, die von ihren Gläubigen die Einhaltung religiöser Normen fordern und jene ächten, die ihrem Bild eines guten Christen nicht entsprechen. Das eigene Weltbild wird mit Bibelstellen untermauert, die teilweise völlig sinnentstellt aus dem Kontext gerissen wurden. Diese Menschen merken entweder überhaupt nicht, dass sie mit dieser Interpretation konträr zu den Grundaussagen von Jesus Christus stehen, oder sie setzen diese Strategie aus machtpolitischen Beweggründen sogar bewusst ein.
Hauptverursacher dieses Dilemmas ist meiner Ansicht nach der Katholizismus. Meine Kritik richtet sich dabei nicht gegen die katholischen Gläubigen. Ich habe Katholiken kennengelernt, welche die genannte Liebe praktizieren und ihren Glauben vorbildlich leben. Auch einer meiner Lieblingsautoren kommt aus der “katholischen Ecke” - der Franziskaner Richard Rohr, der hervorragende Bücher wie “Der nackte Gott - Plädoyer für ein Christentum aus Fleisch und Blut” geschrieben hat. Aber die “katholische Geschäftsleitung” ist mir äußerst suspekt. Dieser Absolutheitsanspruch und die Politik der Ausgrenzung finde ich persönlich äußerst “unchristlich”. Hier ist ein Beispiel aus dem Katechismus der Katholischen Kirche:
“Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die sehr wohl wissen, dass die katholische Kirche von Gott durch Jesus Christus als eine notwendige gegründet wurde, jedoch nicht in sie eintreten oder in ihr ausharren wollen. Diese Feststellung bezieht sich nicht auf solche, die ohne ihre Schuld Christus und seine Kirche nicht kennen: Wer nämlich das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott jedoch aufrichtigen Herzens sucht und seinen durch den Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluss der Gnade in den Taten zu erfüllen versucht, kann das ewige Heil erlangen.”
Wenn ich die Sache richtig verstehe, dann lehrt die katholische Kirche folgendes:
1. Katholische Gläubige können das ewige Heil erlangen.
2. Menschen, die das Evangelium Christi und die katholische Kirche nicht kennen, können das Heil ebenfalls erlangen, allerdings nicht durch Eintritt in die Kirche, sondern durch den Versuch, gute Taten zu vollbringen.
3. Menschen, welche die katholische Kirche kennen, aber nicht zu ihr gehören, können nicht gerettet werden. Da ist es dann wurscht, wie die Taten oder die Beziehung zu Christus aussehen. Biste kein Mitglied der katholischen Kirche, dann bedeutet das aus und vorbei - keine Chance - ab in die Hölle!
Au Backe - sollten die Katholiken das wirklich so sehen, dann finde ich das sehr bedenklich – äußerst bedenklich!
Nun, ich will hier nicht zuviel auf den “Katholen” rumhacken. Die protestantischen Kirchen schneiden im Vergleich zwar besser ab, aber auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt. Ich habe bereits in meinem Beitrag “Religiöser Muff oder gelebter Glauben, der vom Hocker reißt” über eine hammermäßig gute Kirchengemeinde aus Ostwestfalen berichtet und ich kenne auch in anderen Teilen Deutschlands tolle Gemeinden. Aber gerade im frommen Siegerland bin ich in einer Ortsgemeinde der evangelischen Kirche mit Verhaltensweisen konfrontiert worden, die den Charakter einer “mittleren Katastrophe” haben.
Neben den beiden großen Landeskirchen gibt es in Deutschland noch eine Vielzahl von Freikirchen. Diese sind manchmal “lebendiger” und “nicht so steif”. Sie erwecken zwar den Eindruck, dass sie sich deutlich vom Katholizismus abgrenzen, aber auch dort findet man eine Menge Dogmatik. Viele Gemeinden sind von ihrer Ausprägung “katholischer”, als sie sich das selbst vorstellen können, oder wahrhaben wollen.
Auch wenn die meisten Kirchen sehr deutlich betonen, dass sie ihren Glauben auf Jesus Christus und die Bibel gründen, ist es dennoch einen Tatsache, dass ein großer Teil ihrer Lehre aus kirchlichen Dogmen besteht, die erst nach dem 3. Jahrhundert von der katholischen Kirche festgelegt wurden und die man bewusst oder unbewusst übernommen hat. Nein, mir geht es hier nicht um einen Verriss und ich sage auch nicht, dass das alles schlecht ist. Ich finde es nur bedenklich, wenn man bestimmte Dogmen in sein Glaubenskonzept einbaut und dann unreflektiert behauptet, diese Lehren stammen von Gott und sind unfehlbar. Diese Dogmen werden zum Maßstab erkoren, um zu beurteilen, was richtig und falsch, gut und böse ist. Alles, was nicht in diesen Rahmen hinein passt, wird als “nicht göttlich” und manchmal sogar als “teuflisch” abgelehnt.
Es gibt ein eigenartiges Phänomen in der christlichen Welt. Einige Gemeinden haben in ihrer Verkündigung gute Ansätze und sprechen von der Liebe Gottes, von Barmherzigkeit und von Vergebung. Wenn man aber etwas näher hinschaut, entdeckt man die Verknüpfung einer guten christlichen Grundhaltung mit einer extremen religiösen Gesetzlichkeit. Das Resultat ist dann so ein “kraftloser Christenmischmasch”.
Diese Kraftlosigkeit versucht man durch den erhobenen moralischen Zeigefinger zu kompensieren. Da wird den “Schäfchen” gesagt, was sie angeblich alles falsch machen und wie sie sich richtig zu verhalten hätten. Handeln diese aber nicht normgerecht, müssen die Gemeindeglieder “ermahnt” werden, wie man in diesen Kreisen sagt. Schafft man es, die aus der Spur gelaufenen durch “Ermahnung” zur “Buße” zu bewegen um somit eine Verhaltensänderung zu bewirken, ist wieder alles klar.
Aber wehe, die “Schäfchen” hinterfragen die aufgestellten Normen kritisch oder sie machen ihre eigenen Erfahrungen mit Gott, die mit denen der “Hirten” nicht übereinstimmen. Nicht selten wird ihnen dann gesagt, diese Erfahrungen können unmöglich von Gott stammen. Weil sie sich ja nicht an die Normen hielten, würde sie in “Sünde” leben und deshalb könne Gott sie auch nicht segnen. Diese “Hirten” nennen sich zwar Christen, haben aber von der Botschaft des Evangeliums soviel Ahnung, wie die Kuh vom Eislaufen.
Diese bescheuerten Verhaltensweisen kann man leider in allen Konfessionen entdecken – ob Katholiken, Protestanten, Mennoniten, Baptisten oder Pfingstgemeinden. Es gibt allerdings deutliche Unterschiede in der Ausprägung. Bei einigen Gemeinderichtungen ist das nicht generell der Fall und es wird in den einzelnen Ortsgemeinden unterschiedlich gehandhabt. In anderen Gemeindeverbänden ist es dafür gang und gäbe. Manchmal ist in den Gemeindestatuten sogar von “Gemeindezucht” die Rede und es werden Gemeindeglieder ausgeschlossen, die sich nicht an den vorgegebenen Verhaltenskodex halten.
Ob man das Verhalten eines Anderen als fehlerhaft betrachtet, ist ohnehin subjektiv. Aber selbst dann, wenn es ein Fehler sein sollte, hat weder ein geistlicher Führer noch jemand sonst das Recht auf ein derartiges Disziplinieren.
Wie haben es die ersten Christen denn damals gehalten? Lassen wir dazu doch erneut den “guten alten Paule” zu Worte kommen. Er schreibt in seinem Brief an die Galater: “Liebe Brüder, so ein Mensch etwa von einem Fehler übereilt würde, so helfet ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des Andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.”
Da ham wir’s doch! Es geht also nicht darum, dem Anderen einen “drüber zu geben”, sondern ihm zurecht zu helfen. Die Einstellung ist wichtig dabei (mit sanftmütigem Geist). Auch wenn das Problem für einen Einzelnen schwerwiegend ist, gemeinsam packen wir’s! (Einer trage des Andern Last!) Auf diese Weise erfüllen wir das Gesetz Christi - also das Gesetz der Liebe! Und damit schließt sich der Kreis und wir sind wieder beim zentralen Punkt des Evangeliums.
Ich bin Christ und ich bin es gerne! Ich glaube aber nicht an einen Gott, der auf einer Wolke sitzt und die Punkte zählt. Bekomme ich genug Punkte zusammen, dann habe ich mir den Himmel “verdient”. Jede Übertretung (oder Sünde) gibt Punktabzug. Das alles ist totaler Blödquatsch!
Ich glaube an einen Gott der Liebe, der es wohlwollend mit mir meint. Seine göttliche Liebe erfüllt mein Leben. Diese Liebe macht aus mir keinen “frommen Dogmatiker”, sondern einen “Liebenden”, der sich auch selbst geliebt weiß. Die Liebe und Christus sind für mein Leben als Christ unverzichtbar. Über alles andere kann diskutiert werden. Vieles kann hilfreich sein, aber nichts ist zwingend erforderlich. Manches “fromme Getue” ist aber keineswegs hilfreich. Wir sollten uns fragen, ob die Dinge uns frei oder abhängig machen. Dabei ist es egal, ob sich die Abhängigkeit auf religiöse Führer oder auf kirchliche Lehren bezieht.
Eine Religion oder Glaubensgemeinschaft, die ihre Anhänger nicht zur Freiheit, sondern stattdessen in die Abhängigkeit führt, hat keine Daseinsberechtigung. Ein guter Glaube macht frei und hat stets die Liebe im Zentrum.
Liebe bewahrt auch vor einem “Tunnelblick” und ermöglicht es, “über den Tellerrand” zu blicken. Doch davon mehr im nächsten Beitrag.
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“Tagesthemen” von Kurt Michel
“Hoffnung” von Margot Kessler
“Riegel” von Andrea Kusajda
“Berüh mich!” von knipseline
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Christlicher Glaube kann krank machen - oder gesund
Mitten im Zentrum einer ostwestfälischen Kleinstadt steht sie - die Haller Herz-Apotheke. Wenn man diese betritt, wird man von aufmerksamen Mitarbeitern freundlich und kompetent bedient. Das ist allerdings nicht der Punkt, wo sich diese Apotheke entscheidend von den Mitbewerbern abhebt. Man kann wirklich nicht sagen, dass man in den anderen Haller Apotheken auf schlecht gelauntes Personal trifft, das wenig von der Materie versteht. Nein, eigentlich genießt die Branche im Ort einen guten Ruf - zu Recht, wie ich finde. Eine der erwähnenswerten Leistungen der Haller Herz-Apotheke liegt in der Betrachtungsweise des Themas “Gesundheit”. Daraus ergibt sich eine sehr wirkungsvolle andere Art und Weise, die Kunden zu beraten. Die ist wesentlich hilfreicher, als einfach nur die “Schachtel mit den passenden Pillen” rüber zu schieben. Das folgende Interview mit dem Inhaber, Axel Schlüter, gibt dazu einige aufschlussreiche Aspekte.

Udo Michaelis: “Axel, Du stellst Dich am besten erst einmal selbst vor.”
Axel Schlüter: “Ich bin 46 Jahre alt und nicht der einzige Apotheker in der Familie. Meine Frau Edeltraut ist Inhaberin der Osning-Apotheke in Halle. Wir haben gemeinsam drei Kinder. Nach dem Abi studierte ich Pharmazie. Bevor ich mich selbstständig machte, arbeitete ich in verschiedenen Apotheken. Während meiner letzten Stelle studierte ich berufsbegleitend drei Semester Gesundheitswissenschaften. Dieses Studium hat meine spätere Berufsauffassung stark geprägt.”
“Wodurch kam diese Prägung zu Ausdruck?”
“Vorher betrachtete ich den Menschen von seiner Krankheit her. Es gab Symptome, die bekämpft und im besten Fall beseitigt werden konnten. Das Studium der Gesundheitswissenschaften vermittelte mir eine mehr ganzheitliche Sicht des Menschen. Es wurde erforscht, was gesund erhält und nicht der Schwerpunkt auf die Krankheiten an sich gelegt.”
“Du verkaufst aber doch selbst Mittel, die zum Bekämpfen von Krankheiten beitragen sollen.”

“Das stimmt. Arzneimittel und Schulmedizin haben selbstverständlich ihre Existenzberechtigung und sind in vielen Fällen sicherlich hilfreich. In ernsten Situationen können sie sogar lebensrettend sein. Es gibt jedoch auch Grenzen. Pillen schlucken lindert oft Schmerzen, setzt aber nicht an der Ursache an.”
“Wie sähe ein Beispiel aus, um das zu verdeutlichen?”
“Stresskrankheiten sind heute in aller Munde. Stress setzt im Körper Adrenalin frei und erhöht den Blutdruck. Durch eine vermehrte Cortisonproduktion steigt der Blutzuckerspiegel. Darüber hinaus gibt eine Reihe weiterer chemischer Reaktionen im menschlichen Körper, die gesundheitliche Probleme bewirken können. Der Mensch wird daraufhin krank und versucht mit entsprechenden Mitteln die Krankheiten auf ein Maß zu reduzieren, das ihn wieder funktionsfähig macht. Wenn er aber nicht an der Ursache - nämlich dem Stress selbst - ansetzt, wird er keine wirkliche Heilung erfahren.”
“Wie sollte man konkret bei Stress an der Ursache ansetzen?”
“Situationen, die wir als stressig erleben, können von uns unterschiedlich bewertet werden. Nehmen wir an, Du hättest Schwierigkeiten mit einem äußerst unangenehmen Kunden. Der würde Dich vielleicht runterputzen oder Dir mit schmerzhaften Konsequenzen drohen, falls Du seinen Forderungen nicht nachgibst. Das Erlebnis selbst löst keinen Stress aus, sondern die Bewertung der Situation. Es ist Deine freie Wahl, wie Du auf dieses Ereignis reagieren willst. Du kannst Dich über den Kunden ärgern und aggressiv reagieren. Es gäbe weitere Möglichkeiten, ihm beispielsweise Grenzen aufzuzeigen oder ihn vor die Wand laufen zu lassen. Du könntest aber auch versuchen, diesem Kunden mit Verständnis zu begegnen. Vielleicht hatte er einfach nur einen schlechten Tag oder steht selbst massiv unter Druck, den er nicht kontrollieren kann und jetzt Du bist in sein Schussfeld geraten. Sicherlich ist es anfangs oft nicht so einfach, bei schwierigen Ereignissen gelassen zu bleiben. Ich gebe zu, dass mir das auch nicht immer gelingt. Es ist aber wie bei allen Gewohnheiten, die man verändern möchte. Am Anfang steht die Erkenntnis, dass eine neue Verhaltensweise für Dich und oft auch für andere Vorteile bringen kann. Du handelst entsprechend dieser Erkenntnis und machst positive Erfahrungen. Die Bestätigungen, die Du jetzt erfährst, erhöhen wiederum Deine Motivation, auf diese Weise weiter zu machen. Irgendwann wird das neue Verhalten zur Gewohnheit.”
“Funktioniert das denn immer?”
“Nein, weil oft nicht genügend Energie vorhanden ist, diesen Prozess in Bewegung zu halten. Die Energie, die zur Veränderung der eigenen Lebensumstände erforderlich ist, wird oft durch Hemmnisse reduziert. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten, sein Energiepotential zu steigern.”
“Zum Beispiel?”
“Wir machen uns viel zu wenig bewusst, welchen Einflüssen wir uns ungefiltert aussetzen und welche Auswirkungen diese auf unser Denken, Fühlen und Handeln haben. Wenn wir uns z. B. jeden Abend Horror- oder Gewaltfilme ansehen, dann hat das Konsequenzen. Wir sind wahrscheinlich aggressiver und nervöser. Wer sich ständig heftige Pornofilme reinzieht, braucht sich nicht zu wundern, wenn er eine ausgeartete sexuelle Phantasie hat. Andererseits gibt es Filme, bei denen man anschließend gut gelaunt oder entspannt ist. Manche Filme hatten bei mir eine ähnliche Wirkung wie eine gute Predigt. ‘Chocolat’ beispielsweise empfand ich als sehr aufbauend. Wir sollten uns mehr mit den Dingen beschäftigen, die uns Energie liefern.”
“Du meinst also, dass wir durch die Art und Weise, wie wir unseren Alltag leben, unsere Gesundheit beeinflussen können?”
“Auf jeden Fall! Oft sind es einfache Dinge, die zur Gesundheit beitragen. Wer in einem intakten Umfeld lebt, eine stabile Familie hat und einen erfüllenden Beruf ausübt, hat größte Chancen auf eine gute Gesundheit. Es gibt auch Untersuchungen, dass Menschen mit Gottvertrauen gesünder sind als der Durchschnitt. Ich glaube allerdings, dass es sowohl einen gesund machenden als auch einen krank machenden Glauben gibt.”
“Worin liegt der Unterschied?”
“Im Gottesbild und der persönlichen Bedeutung des Glaubens. Ich kenne Menschen, die durch die Hinwendung an Gott befreiter und glücklicher geworden sind. Durch ihre Glaubenserfahrungen entwickelt sich ein Urvertrauen, ein Gefühl der Geborgenheit und der Glaube an einen wohlwollenden und liebenden Schöpfer. Diese Menschen sind gesundheitlich tendenziell stabiler. Bei anderen ist der Glaube von permanenter Angst gekennzeichnet. Sie leben eine dogmatische Gesetzlichkeit, die in erster Linie im Einhalten sinnloser religiöser Normen besteht. Sie gestehen sich und anderen nicht zu, auch mal Fehler machen zu dürfen und sind deswegen unbarmherzig gegen sich und andere. Oder sie haben sich diese Pflichten von religiösen Führern auferlegen lassen. Dieses ‘müssen’, ‘nicht dürfen’ und die ständige Angst, etwas falsch zu machen und dafür von Gott bestraft zu werden, löst bei manchen Menschen gewaltigen Stress aus. Solch eine Religiösität bezeichne ich als krank machenden Glauben. Andererseits gibt es auch viele Menschen, die Böses ohne das geringste Schuldbewusstsein tun. Deswegen ist es mir wichtig hinzuzufügen, dass es selbstverständlich auch viele wichtige und sinnvolle Gebote und Verbote (z.B. die Zehn Gebote) gibt.”
“Im der christlichen Terminologie gibt es Begriffe wie ‘Schuld’ und ‘Buße’. Führen diese manche Gläubige nicht geradezu in eine sogenannte ‘ekklesiogene Neurose’?”
“Diese Schlussfolgerung wäre mir zu einseitig. Es ist eher die Frage, wie ich diese Begriffe einordne. Ich sehe mich als Mensch, der Fehler macht und gestehe mir dieses auch zu. Ich finde es hilfreich, mein Leben zu reflektieren, um Fehler und Versäumnisse zu erkennen. Das gibt mir die Möglichkeit, mich zu verändern und weiter zu entwickeln. Ich habe den Buß- und Bettag, der bei uns inzwischen kein Feiertag mehr ist, dazu genutzt. An diesem Tag war meine Apotheke geschlossen, was manche vielleicht irritiert hat. Aber mir ist es wichtig auch meine Verantwortung zu erkennen, statt immer nur die Fehler bei anderen zu suchen. Alle meine Gedanken, Taten und Entscheidungen haben Konsequenzen für mein Leben und das Leben anderer. Leider schieben viele Menschen diese Verantwortung von sich weg. Wenn etwas nicht nach Plan läuft, dann geben sie dem bösen Nachbarn die Schuld, oder dem Chef, der Regierung oder sonst wem. Sie hadern lieber mit ihrem Schicksal, als ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen.”
“Kann ich durch den ‘gesund machenden Glauben’ und Eigenverantwortlichkeit jedes gewünschte Resultat in meinem Leben erzielen?”
“Man sollte versuchen, verschiedene Aspekte zu vereinen, um zu einer ausgewogenen Haltung zu kommen. Zum einen unterschätzen wir oft unser schöpferisches Potential und begeben und stattdessen in eine Opferrolle. Andererseits wehre ich mich gegen ein Allmachtsdenken nach dem Motto: ‘Ich muss nur an der richtigen Schraube drehen und bekomme dann das gewollte Resultat’. Gerade in der Medizin ist dieses Denken weit verbreitet. Trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse über Krankheiten müssen wir uns eingestehen, dass uns vieles unbekannt ist. Wieso erkrankt ein mit Borreliose-Erreger infizierter Mensch und ein anderer nicht. Wir wissen, dass es Autoimmunerkrankungen gibt, bei denen sich das Immunsystem gegen die körpereigenen Zellen richtet. Weshalb das jedoch geschieht, liegt noch völlig im Dunklen. Ich würde mir einen demütigeren Umgang mit derartigen schwierigen Sachverhalten wünschen, anstelle eines besserwisserhafeten Auftreten gegenüber den Hilfesuchenden. Denn letzten Endes ist doch der Mensch wichtiger als alle Theorien oder wissenschaftliche Forschungen.”
“Was bedeutet ‘Mensch sein’ für Dich?”
“Meinen Platz in der Welt zu erkennen und gemäß meiner Gaben auszufüllen. Dabei wird die Bedeutung der äußeren Umstände überschätzt. Materielle Dinge wie Geld sehe ich als Mittel zum Zweck, um meine Aufgaben wahrnehmen zu können. Diejenigen, die ständig dem Geld hinterher jagen, tun dies aus der Angst heraus, zu kurz zu kommen. Über viel Geld zu verfügen ist nicht unmoralisch. Wer jedoch lediglich Geld anhäuft, hat meiner Meinung nach seinen Lebenssinn verfehlt. Wer bereit ist, sein Geld fließen zu lassen, kann damit viel Gutes bewirken. Die Angst, zu kurz zu kommen, kann man auch durch das Bewusstsein verlieren, dass unser jetziges irdisches Leben nicht alles ist. Diese Erkenntnis befreit von falschen Maßstäben an das Leben und von Egozentrik. Anderen etwas zu geben oder zu helfen gehört zu Mensch sein dazu. Es ist interessant, dass man dabei innere Zufriedenheit verspürt. Man kann auf diese Weise sogar etwas für sein eigenes Glück tun.”
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Religiöser Muff oder gelebter Glauben, der vom Hocker reißt
Vor einiger Zeit hörte ich vom “Anderen Gottesdienst” der ev. Kirchengemeide Halle (Westf.). Ausgangspunkt zur dessen Entstehung war eine Frage, die Pastor Bernd Eimterbäumer verschieden Leuten gestellt hat: “Was muss ich tun, damit ihr in den Gottesdienst und in die Kirche kommt”. Bei den Antworten kamen Dinge wie “nicht Sonntags um 10 Uhr wenn ich auspennen will”, “der Pastor soll nicht so viel Abgehobenes erzählen, was nichts mit unserem Alltag zu tun hat”, “mehr Pepp und nicht so trocken” und “andere Musik”. Bernd Eimterbäumer hat schnell erkannt, dass die Aussagen dieser Leute kein Spott, sondern handfeste Verbesserungsvorschläge waren. Die Ideen, die sie brachten, waren weder verrückt oder abgehoben und erst recht nicht unerfüllbar. Er hat sie ernst genommen. Die Folge war eine Form des Gottesdienstes, die den Wünschen vieler Menschen tatsächlich entspricht.
An einem Sonntag um 18.00 Uhr besuchte ich diesen Gottesdienst. Noch an der Türschwelle hatte ich mein erstes positives Erlebnis. Ich wurde herzlich begrüßt - nein, nicht mit einem aufgesetzten Grinsen, sondern wirklich herzlich. Nach shakehands, ein paar netten Worten und den Empfang von Gummibärchen versuchte ich vergeblich einen Sitzplatz zu finden. “Ich bin 15 Minuten früher da und muss jetzt stehen? Ist das immer so voll hier?” Es wurden noch ein paar Stühle organisiert und so konnte ich doch noch Platz nehmen. Es ging los. Die Band spielte: 3 Sängerinnen, E-Gitarren, Drums, Keyboard etc. Die Menschen in der Kirche sangen mit - der Text wurde per Beamer an die Leinwand geworfen. Zwei Moderatorinnen führten durch den Abend. Ein Theaterstück wurde aufgeführt. Dann gab es eine Predigt - kein Pastor im schwarzen Talar sondern ein junger Mann in gewöhnlicher Kleidung. Der Vortrag war kurz und interessant.
Die Moderatorinnen führten dann ein Interview. Ich meine, es wäre mit einem Haller Geschäftsmann gewesen, aber so genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Zum Schluss spielte noch einmal die Band. Nach dem Gottesdienst gingen einige ins “Cafe’ Gegenüber” zum gemütlichen Beisammensein und Quatschen. Andere trafen sich in der “Grotte” . Dort befanden sich meist Jugendliche. Die Musik, die hier lief, war ziemlich laut. Es gab einen Kicker und einen Billardtisch.
Der Gottesdienst hat mir gefallen und inzwischen besuche ich ihn ziemlich regelmäßig. Man begegnet dort Menschen, die ihren Glauben sehr engagiert leben, anstatt auf einer theoretischen Ebene nur davon zu faseln. Auf der anderen Seite sind sie unverkrampft und haben sie eine Menge Spaß. Eine gute Mischung, wie ich finde. Den Altersdurchschnitt reisse ich als Mensch um die 50 Jahren nach oben, weil über die Hälfte der Besucher unter 25 sind.
Beim folgenden Interview hatte ich diesmal vier Gesprächspartner:
-Bernd Eimterbäumer (42, Pastor)
-Katharina (Kaddie) Hallen (16, Sängerin der Band Footprints)
-Kim Kupczyk (16, ebenfalls Sängerin bei den Footprints)
-Björn Hamann (18, Moderator und Theater-Darsteller)
Udo Michaelis: “Was motiviert Euch, ehrenamtlich Aufgaben in der Gemeinde wahrzunehmen?”
Björn Hamann: “Neben meinen Aufgaben im Anderen Gottesdienst engagiere ich mich in der kirchlichen Jugendarbeit. Auf den Norwegen-Freizeiten gehöre ich zu den Betreuern, die unsere Konfirmanden begleiten. Wenn man die Konfis dort abholt, wo sie stehen, ist es gar nicht so schwer, eine enge Beziehung zu ihnen aufzubauen. Die Kids mögen kein Gelaber, sondern wollen als Persönlichkeiten ernst genommen werden. Interessant ist, dass viele von ihnen das Ziel haben, selbst Mitarbeiter in der Gemeinde zu werden. Sie möchten beispielsweise Betreuer für die nächste Konfi-Generation auf einer Norwegen-Freizeit werden. Derartige Ergebnisse geben mir das Gefühl, am richtigen Platz zu sein und motivieren mich, weiter zu machen.”
Kaddie Hallen: “Eine Frau aus unserem Ort hat sich aufgrund von negativen Erfahrungen mit der Kirche bewußt von ihr distanziert. Sie sah auch keinen Sinn mehr darin, ihren Sohn zum Konfi-Unterricht zu schicken. Dann wurde sie durch einen von uns zum Anderen Gottesdienst eingeladen. Sie ging auch hin und war sehr beeindruckt. Ihre veränderte Einstellung führte dazu, dass ihr Sohn dann doch den Unterricht besuchte. Der Junge bekam ebenfalls eine positive Einstellung zum Glauben und zur Kirche. Solche Erlebnisse finde ich sehr motivierend. Mich freut es, wenn sich Menschen, die mit Kirche nichts am Hut haben, sich auf eine Erfahrung mit Jesus Christus einlassen.”
Kim Kupczyk: “Manchmal kommen Leute nach dem Anderen Gottesdienst zu uns und sagen, dass unsere Musik ihnen gut getan hat. Mich hat überrascht, dass es sogar ältere Menschen gibt, denen die “Power” unserer Songs gut gefallen. Solch ein Feedback macht natürlich Spaß.”
“Welche Besetzung hat Eure Band?”
Kim Kupczyk: “Wir haben zwei E-Gitarristen, einen Keyboarder, der bei einigen Stücken alternativ Akkustik-Gitarre spielt, eine Bassistin, einen Drummer und drei Sängerinnen. Das Alter der Bandmitglieder liegt zwischen 16 und 19 Jahren.”
“Bernd, worin liegt die Motivation für Deine Gemeindearbeit?”
Bernd Eimterbäumer: “Bevor wir den Anderen Gottesdienst ins Leben riefen, besuchte ich eine Konferenz der Willow Creek Community Church in der Nähe von Chicago. Dort habe ich die entscheidenden Impulse bekommen um neue Wege in der Gemeindearbeit zu gehen. Der Referent stellte uns aufrüttelnde Fragen: ‘Was ist euer Traum? Wie sieht eure Vision aus?’ Ich setze mich also hin und schrieb meinen Traum, meine Vision auf. Der Inhalt lautet zusammengefasst etwa so: ‘Ich will kirchenfernen Menschen die Möglichkeit zu geben, Gott und Kirche kennen zu lernen und einen Platz in der Gemeinde zu finden. Es sollen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass diese Menschen sich einbringen können, um die Welt zum Positiven verändern zu können.’ Gemeinde verstehe ich in dem Kontext als lebendigen Organismus, der aus verschiedenen Gliedern besteht. Diese Glieder haben unterschiedliche Aufgaben. Du erkennst deine Berufung am besten, wenn Du darauf achtest, wo dein Herz schlägt. Es geht also nicht in erster Linie darum Mitarbeiter zu finden, damit Aufgaben erledigt werden. Wenn Du an der Stelle mitarbeitest, wo Dein Herz schlägt, entwickelst Du dich in Richtung Deiner persönlichen Berufung. Wer diese Berufung lebt, erfährt Erfüllung. Um diesbezüglich Hilfestellungen zu geben, bieten wir in verschiedenen Kleingruppen einen Gaben-Test an. Die Auswertung dieses Tests und die anschließende Beratung hilft dem neuen Mitarbeiter eine Aufgabe zu finden, in der er glücklich ist und andere glücklich machen kann. Letzten Endes profitiert die Gemeinde wiederum davon, weil sie aus einer Vielzahl von hoch motivierten Gemeindegliedern besteht. Das Konzept, indem der Kirchenbetrieb ausschließlich durch Pastor, Kantor und Küster veranstaltet wird, verhindert meiner Meinung nach ein lebendiges Gemeindewachstum.”
Kaddie Hallen: “Was mir in dem Zusammenhang gefällt ist, dass beim Anderen Gottesdienst nicht nur Pastoren, sondern auch Ehrenamtliche predigen.”
“Es geht also nicht darum, Schäfchen zu sammeln, indem der Pastor die missionarische Keule schwingt?”
Bernd Eimterbäumer: “Eher im Gegenteil! Wir wollen Räume schaffen und Angebote installieren, die attraktiv sind. Es geht nicht darum, Leute in eine bestimmte Richtung zu pushen, sondern ein Christsein zu leben, welches begeistert und vom Hocker reißt.”
“Einige christliche Missionare kamen einmal zu Mahatma Gandhi und haben ihn gefragt, was sie tun müssten, damit die Hindus ihre Botschaft annehmen würden. Gandhis Antwort war überraschend: ‘Denken Sie an das Geheimnis der Rose. Alle mögen sie, weil sie duftet. Also duften Sie, meine Herren.’ Die effektivste Mission ist demnach, wenn mein Christsein attraktiv ist.”
Bernd Eimterbäumer: “Ein sehr schönes Bild. Ja, das sehe ich genauso. ‘In dir muss brennen, was Du in anderen entzünden willst.’ Diese Aussage des Kirchenvaters Augustinus geht in die gleiche Richtung.”
“Werden Eure Aktionen immer positiv bewertet?”
Bernd Eimterbäumer: “Natürlich gibt es hin und wieder Leute, die was zu meckern haben. Vor kurzen rief mich ein Professor an, der sich für die Erhaltung der deutschen Sprache engagierte. Er regte sich darüber auf, dass wir Anglizismen wie “Holy Night” verwendeten. Auch viele Lieder der “Footprints” sind englisch und auf einem unserer Transparente steht: ‘Whenever you pray, god starts working”. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich den Gebrauch unterschiedlicher Sprachstile in den verschiedenen Veranstaltungen nicht nur für legitim, sondern sogar für sinnvoll halte. Warum soll ich nicht in der Sprache derer kommunizieren, die ich erreichen möchte. Das gleiche machen Radiosender oder wird in der Werbung als Selbstverständlichkeit praktiziert. Niemand würde dort auf die Idee kommen, einem Jugendlichen mit Stilmitteln zu begegnen, die eher seine Großeltern ansprechen würden. Dieser Professor hatte dafür leider kein Verständnis.”
“Fällt Dir ein Beispiel ein, wo sich ein Kirchendistanzierter durch die Hinwendung zum Glauben positiv verändert hat.”
Bernd Eimterbäumer: “Da gibt es mehrere Beispiele. Eines hat Ähnlichkeiten mit dem, was Kaddie erzählt hat. Der Vater eines Konfirmanden war total enttäuscht von allem, was irgendwie mit Gott und Glauben zu tun hatte. Er hatte mit der Kirche total abgeschlossen und war regelrecht kirchenfeindlich eingestellt. Der Sohn, der ab und zu den Anderen Gottesdienst besuchte, konnte seinen Vater interessanterweise dazu bewegen, einmal mit zu kommen. Es war der Beginn einer erstaunlichen Veränderung. Nach einiger Zeit besuchten Vater und Sohn regelmäßig den Gottesdienst. Der Vater nahm an einem “Alpha-Kurs” teil. Es handelt sich um einen Glaubensgrundkurs, in dem wir christliche Inhalte vermitteln. Außerdem ermutigen wir die Teilnehmer dazu, auf eine persönliche und individuelle Weise Gott zu erfahren. Daraus entsteht oft ein begeistertes und engagiertes Leben als Christ. Dieser Kurs hat das Leben dieses Mannes auf den Kopf gestellt. Bei ihm zu Hause treffen sich inzwischen regelmäßig Menschen in einem christlichen Hauskreis. Darüber hinaus setzt er sich mit viel Engagement für ein Hilfsprojekt in Rumänien ein. Schon öfters hat er Lieferungen nach Rumänien gebracht und nimmt sich tage- und wochenlang Zeit, um vor Ort Bauprojekte praktisch zu unterstützen. Manchmal kann ich nur staunen, wie die Liebe Gottes das Herz eines Menschen so heilen und erneuern kann.”
“Geht das Interesse am Christsein in der Bevölkerung Deiner Meinung nach zurück, oder steigt es eher?”
Bernd Eimterbäumer: “Aufgrund zunehmender Kirchenaustritte könnte man schlussfolgern, dass die Menschen am Glauben immer weniger interessiert sind. Ich sehe das allerdings etwas anders. Meiner Meinung nach gelingt es den Kirchen nicht mehr, dem spirituellen Bedürfnis der Menschen etwas Adäquates entgegen zu stellen. Ein Indiz für vorhandene Spiritualität ist wachsendes Interesse an esoterischen Richtungen oder östlichen Religionen. Vielen Christen sind sich einfach nicht bewusst, dass wir etwas Spektakuläres zu bieten haben. Wenn wir die Angelegenheit anders wahrnehmen würden, hätten wir auch eine andere Ausstrahlung. Dann würden wir wiederum erleben, wie sich Menschen dem Glauben zuwenden. In meinem Umfeld erlebe ich jedenfalls, dass heute mehr Interesse am christlichen Glauben vorhanden ist, als es früher der Fall war. Ich glaube, dass uns spannende Dinge bevorstehen.”
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Sich verbiegen um es den anderen recht zu machen?
Donnerstag, 27. August 2009, 12:21 Uhr
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Nein sagen
Ein Vater reitet auf einem Esel und neben ihm läuft sein kleiner Sohn. Da sagt ein Passant empört: “Schaut euch den an. Der lässt seinen kleinen Jungen neben dem Esel herlaufen”. Der Vater steigt ab und setzt seinen Sohn auf den Esel.
Kaum sind sie ein paar Schritte gegangen ruft ein anderer: “Nun schaut euch die beiden an. Der Sohn sitzt wie ein Pascha auf dem Esel und der alte Mann muss laufen”. Nun setzt sich der Vater zu seinem Sohn auf den Esel.
Doch nach ein paar Schritten ruft ein anderer empört: “Jetzt schaut euch die Beiden an. So eine Tierquälerei”. Also steigen beide herab und laufen neben dem Esel her.
Doch sogleich sagt ein anderer belustigt: “Wie kann man nur so blöd sein. Wozu habt ihr einen Esel, wenn ihr ihn nicht nutzt.”
Diese nette arabische Geschichte zeigt uns deutlich, dass wir es nie allen Menschen Recht machen können, ganz egal, wie sehr wir uns auch anstrengen mögen. Wenn Du ständig darum bemühst bist anderen zu gefallen, dann kommst Du nicht mehr raus aus dem Stress. Andere Menschen sind kein Maßstab. Entscheide selbst, was für Dich richtig und falsch ist. Höre auf das, was Dein Herz Dir sagt und beziehe in alles die „Weisung von oben“ mit ein.
Apropos „Weisung von oben“: Momentan versuchen einige „fromme“ Menschen meiner Lebenspartnerin und mir klarzumachen, dass wir uns auf einem falschen Weg befinden. Sie erzählen uns, dass unsere Lebensweise Gott angeblich nicht gefällt. Tja, wenn sie es für sich brauchen, dann sollen sie meinetwegen reden und urteilen, was das Zeug hält. Ich finde es auch nicht sonderlich schlimm, weil sie uns letzten Endes nicht schaden können und alles auf sie zurückfällt, was sie vom Stapel lassen. Es klingt vielleicht ein wenig sarkastisch, aber manchmal habe ich sogar meinen Spaß, wenn sie ihren Blödquatsch ablassen.
„Ich glaube an Gott. Aber ich glaube nicht an all die Menschen, die mir angeblich von ihm ausrichten sollen, was ich tun darf.“
(Peter Hohl)
Über ein anderes interessantes Phänomen freue ich mich sehr: Für jede „dogmatische Quarktasche“ taucht irgendwo mindestens ein guter Freund auf, der mir den Rücken stärkt. Es ist ein unglaubliches wertvolles Geschenk, Freunde zu haben, die mich so annehmen, wie ich bin und nicht versuchen, mich „zu erziehen“ – Freunde, mit denen ich lachen und weinen, diskutieren und feiern kann. Falls jemand Mangel an derartigen Freunden hat, dann sollte er sich die Frage stellen, ob er selbst anderen solch ein Freund ist.
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Das Kreuz - Gedanken zum Karfreitag (Teil 2)
Während der erste Teil dieses Thema ziemlich theoretisch und theologisch war, dann geht es im zweiten Teil um eine gewaltige persönliche Herausforderung. Sie geht “unter die Haut”, wenn man sie richtig begriffen hat.
Kurz vor Weihnachten hat es mich umgehauen und ich war zwei lang Wochen krank. An dem schlimmsten Tag meiner Krankheit befand ich mich mit Fieber in einer Art “Dämmerzustand”. Mein Verstand funktionierte nicht mehr in der üblichen Weise und trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deshalb, erreichte meine Sinne ein Bild, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Ich kannte die Geschichte von der Kreuzigung sehr gut und war imstande, alle Einzelheiten und Aussagen wiederzugeben. Trotzdem kam es mir so vor, dass ich an diesem Tag zum ersten Mal erfasst habe, was “Vergebung” wirklich bedeutet.
Jesus hat am Kreuz gerufen: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” Wieso sollten die beteiligten Römer und Juden denn nicht gewusst haben, was sie tun? Waren die denn blöd, oder was? Sie hatten einen Mann hingerichtet, der sich nie etwas zu schulden kommen ließ, Menschen in Not half und die Liebe auf eine Weise lebte, wie es sie kein zweites Mal gab. Ganz so einfach ist das aber nicht. Wenn wir dieses Ereignis aus der Distanz betrachten, ist es nicht schwer zu einer realistischen Einschätzung des Sachverhaltes zu kommen.
Die beteiligten Menschen jedoch hatten aufgrund verschiedener Einflüsse eine verzerrte Wahrnehmung. Es gab einige Drahtzieher, denen es gelang, das Volk gegen Jesus aufzuwiegeln. Es fing im Kleinen an und führte dazu, dass bald überall die Rufe “Kreuzigt ihn, kreuzigt ihn” erklangen. Sie wirkten als Suggestion wie eine Gehirnwäsche. Vielleicht haben die römischen Oberbefehlshaber ihren Soldaten vermittelt, dass Jesus für das Imperium eine Gefahr darstellt und als Verräter und Volksverführer seiner gerechten Strafe nicht entgehen durfte. Die ausführenden Menschen waren davon überzeugt, etwas Gutes und Richtiges zu tun und waren sich der Tragweite ihres Handelns nicht bewusst. Ihr Handeln mag böse gewesen sein, ihre Motive waren es jedoch nicht. Jesus wusste das genau als er rief: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” Er selbst hatte ihnen in diesem Moment bereits vergeben.
Was fangen wir nun mit dieser Erkenntnis an? Wie integrieren wir Karfreitag in unser eigenes Leben? Vergeben zu können ist auf jeden Fall gut, das war mir auch schon früher bereits klar. Durch meine Vergebung geht es mir selbst besser und auch dem Menschen, dem ich vergebe. Ich muss mir allerdings eingestehen, dass es mir oft einfach nicht gelang. Es schien so unsagbar schwer, das konsequent zu praktizieren.
Um zu verdeutlichen, warum das so ist, möchte ich Euch zu einem Experiment einladen. Stellt Euch eine Situation vor, in der ihr unter dem Handeln eines anderen Menschen gelitten habt. Dann sagt Ihr den Satz: “Dieser Mensch hätte anders handeln können und müssen. Er hat mir absichtlich wehgetan”. Nehmt dann bewusst war, war mit Euren Gefühlen passiert. Wenn Ihr genau darauf achtet, werdet Ihr sogar körperliche Symptome wahrnehmen.
Bringt Euch danach in einen einigermaßen neutralen Emotionszustand. Dann begebt Ihr Euch in genau die gleiche Situation, sprecht aber etwas anderes zu Euch: “Dieser Mensch konnte nicht anders handeln. Er hat sein Bestes gegeben und hat mir zu keinem Zeitpunkt schaden wollen. Es wusste nicht, dass er mir weh tut und deshalb trifft ihn keine Schuld.” Spürt Ihr den gewaltigen Unterschied in Euren Gefühlen?
Richtig vergeben könnt Ihr nur, wenn Ihr Euer Urteil zurücknehmt. Eure Gefühle sind bisher immer davon ausgegangen, der andere sei ein richtiges A… und wollte Euch absichtlich etwas Böses antun. Das ist aber ein Beurteilungsfehler. Ich möchte jetzt nicht missverstanden werden: Das hier soll keine Aufforderung sein, eine falsche Handlung oder eine verletzende Tat zu verleugnen oder schön zu reden. Es geht darum, zu verinnerlichen, welches Motiv hinter dem Handeln steht. Viele Menschen machen grobe Fehler, wollen aber eigentlich etwas Gutes bezwecken. Sie sind sich der Tragweite Ihres Handelns nicht bewusst, genauso wie die Menschen, die Jesus ans Kreuz geschlagen haben. Wenn Ihr diese Erkenntnis beherzigt, erlebt Ihr eine emotionale Revolution und Ihr werdet feststellen, dass Vergebung möglich ist.
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Das Kreuz - Gedanken zum Karfreitag (Teil 1)
“Mich würde auch interessieren, da heute Karfreitag ist, was für Dich die Kreuzigung symbolisiert …”, das schrieb mir heute eine Bekannte. Als ich meine Gedanken dazu sammelte, kam so viel dabei heraus, dass ich nun daraus zwei Blogbeiträge mache. Alle Aspekte hier aufzuzeigen, würde den Rahmen sprengen, daher beschränke ich mich auf die beiden, die für mich momentan die bedeutsamsten sind.
Wenn man mich früher gefragt hat, ob ich religiös bin, habe ich das verneint. Ich habe meistens geantwortet, dass ich an Gott glaube, aber mich nicht als religiöser Mensch bezeichnen würde. Seit ich mich mit der eigentlichen Bedeutung des Wortes “Religion” auseinander gesetzt habe, sehe ich das anders. Re-ligio heißt wörtlich übersetzt Rück-Verbindung. Der ursprüngliche Zustand war demnach Einheit, erfuhr dann eine Form des getrennt seins und wird durch Re-ligio wieder miteinander verbunden.
Vor Jahren habe ich mal ein Buch gelesen, in dem Jesus als der zweite Mensch bezeichnet wurde. Der erste Mensch ist Adam. Den Gedanken findet man auch an zwei Stellen in der Bibel, es wird dort nur ein wenig anders ausgedrückt. Der erste Mensch hat die Trennung verursacht und der zweite Mensch hat die Einheit wieder hergestellt. Beide hatte ihre freie Entscheidung. Adam hat sich dazu entschlossen, den Zustand des getrennt seins zu erleben und dieser wird als “Sünde” bezeichnet. Dieser Begriff ist nicht ganz unproblematisch. Wenn man die Leute fragt, was sie unter Sünde verstehen, kommen Antworten wie Böses tun, Unmoral oder sexuelle Verfehlungen. Man erinnert sich an die “sieben Todsünden” oder an den Spruch aus der Kindheit “Brot wegwerfen ist Sünde”. Vergesst es - das alles hat hier nichts zu suchen.
Im griechischen Urtext der Bibel steht für Sünde das Wort hamartia (αμαρτια). Es bedeutet so viel wie “nicht treffen” oder “ein Ziel verfehlen”. Das Ziel unseres Menschseins ist die Einheit. Leben wir im getrennt sein, haben wir dieses Ziel verfehlt. Sünde bedeutet nicht mehr und nicht weniger und hat nichts mit einer ethischen Moralvorstellung zu tun.
Viele Leute glaube, man müsste ein “guter Mensch” sein, alle Gebote einhalten und wird dann mit dem Himmel belohnt, während alle Bösewichte und Sausäcke ins Fegefeuer geschmissen werden. Da sitzt ein Gott auf einer Wolke und zählt unsere Punkte, aber verrät keinem, ob man genug gesammelt hat oder nicht. Leute, das ist totaler Käse! Es hat mit dem ursprünglichen christlichen Gedanken überhaupt nichts zu tun. Irgendwelche Kirchenfuzzis haben im Mittelalter ihre Schäfchen mit diesen Lehren verblödet und das als Machtinstrument missbraucht.
Im Mittelalter gab es einen Mann namens Martin Luther, der das geschnallt und ordentlich auf den Putz gehauen hat. Leider haben viele seine Anhänger das aber trotzdem nicht so richtig kapiert und deshalb gab es immer wieder mal kleinere Reformationen. Wenn ihr mich fragt, wir könnten heute auch mal wieder eine gebrauchen, um den ganzen frommen Muff wieder in Richtung Leben und Lehre Jesu zu lenken.
Nun kommt der Spiegelbegriff der Sünde ins Spiel: “Erlösung”. Der Mensch wird aus dem Zustand des getrennt seins “gelöst” und erhält den Zugang zur Einheit. Jesus sagte: “Ich und der Vater sind eins!” Er war sich der Einheit mit Gott bewusst und hat sie gelebt. Das Kreuz ist das Symbol der Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch. Wir haben Zugang zur Einheit mit Gott. Ob wir den Zustand der Einheit oder lieber den Zustand des getrennt seins erfahren wollen, können wir selbst entscheiden!
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