Fußball WM 2010 (Teil 2) - Wer wird Weltmeister?

“Wenn sich jemand dehnen will, soll er nach Dänemark fahren. Bei mir wird gelaufen.”
(Eduard Geyer)
Aus meinem letzten Beitrag wisst Ihr jetzt also, welche Teams das Achtelfinale erreichen werden. Schauen wir uns nun an, was danach kommt. Für die Gruppe E hatte ich Euch prophezeit, dass die Niederlande und Kamerun die Vorrunde überstehen werden. Die Holländer gehören für mich zwar nicht zu den Top-Favoriten auf den Weltmeistertitel, ich schätze sie allerdings schon um einiges stärker ein, als bei der letzten WM.
Damals haben sie sich mit zwei knappen Siegen und einem Unentschieden glanzlos für das Achtelfinale gegen Portugal qualifiziert - ein brutales Klopperspiel bei dem man den Eindruck hatte, dass der Schiedsrichter früher einmal Profi-Kartenspieler gewesen sein muss. Die Akteure durften insgesamt 16 (in Worten sechzehn) bunte Kartons betrachten: achtmal in leuchtendem Gelb und viermal als modische Zweierkombination in Gelb und Rot. Das Spiel selbst haben die Holländer dann mit 1:0 verloren - verdientermaßen … glücklicherweise … Jubel, Jubel … ♪ ♪ ♫ ♫ ♫ ♪ ohne Holland, fahr’n wir zur … nee, das gehört zu einer anderen WM … sorry, da sind doch glatt die Pferde mit mir durchgebrannt - aber gefreut hatte ich mich damals trotzdem! In diesem Jahr werden sie bis ins Viertelfinale kommen, aber danach ist Schluss mit lustig!
So sieht das komplette Viertelfinale aus:
Niederlande - Brasilien
Südafrika - Ghana
Argentinien - Deutschland
Italien - Spanien
Wenn es gut läuft, könnte es dem Gastgeberland gelingen, bis ins Halbfinale zu kommen. Als Voraussetzung dafür sehe ich allerdings, dass sie Gruppensieger werden. Bei ihrer starken Gruppe könnte die Sache natürlich auch schon nach der Vorrunde vorbei sein, oder im Achtelfinale, falls sie gegen Argentinien antreten müssen. Bei zwei rein afrikanischen Duellen hätten sie aber gute Chancen auf ein Weiterkommen - gegen Nigeria im Achtelfinale und gegen Ghana im Viertelfinale, falls es denen gelingen sollte, vorher England zu schlagen.
Richtig spannend könnte auch ein Achtelfinalspiel zwischen Spanien und Portugal werden. Ich glaube, dass die Spanier ihren iberischen Nachbarn rauskicken, anschließend die Italiener nach Hause schicken werden und dann gegen Deutschland im Halbfinale stehen. Die Deutschen werden es vorher in ihrem Viertelfinale gegen Argentinien äußerst schwer haben. Das wird ein ähnlich hartes Ding wie vor vier Jahren, als Deutschland erst nach Elfmeterschießen gewann.
Im Halbfinale gibt es folgende Begegnungen:
Südafrika - Brasilien
Deutschland - Spanien
Nachdem die Spieler aus Südafrika so weit gekommen sind, ist ihre Euphorie nicht mehr zu bremsen und sie sehen sich schon als Weltmeister. Möglicherweise war Brasilien bis zu diesem Zeitpunkt nicht in allen bisherigen Spielen so überzeugend und hat das ein oder andere Match mehr ergebnisorientiert gespielt, als Zauberfußball zu bieten. Doch jetzt, im entscheidenden Moment, hebeln die Männer vom Zuckerhut und der Copacabana das Gastgeberland gekonnt aus, die ihnen ins offene Messer rennen.
Im anderen Halbfinale muss sich Deutschland erneut den Spaniern beugen, wie schon vor zwei Jahren im EM-Finale. Zm Trost erkämpfen sich unsere Jungs im “kleinen Finale” den dritten Platz. Dieses letzte Spiel wird für unsere Jungs eine klare Angelegenheit, weil die Mannschaft aus Südafrika ihre Niederlage aus dem Halbfinale immer noch nicht verkraftet hat und sich nicht mehr zum letzten Ansturm aufbäumen kann.
Das Finale bestreiten somit Brasilien und Spanien. Wer wird nun Weltmeister?
Ich stelle mir das ungefähr so vor: Die Spanier gehen aufgrund ihrer überragenden Leistungen in den vorhergehenden Spielen als leichter Favorit ins Endspiel. Die Brasilianer haben zwar die meisten ihrer Spiele ebenfalls souverän gestaltet, aber manchmal eher glanzlos und ergebnisorientiert. Am Anfang des Finales ist es auch die spanische Mannschaft, die mehr Druck macht und feldüberlegen ist. Nach einer erfolglosen Drangperiode fangen sich dann die Iberer ein Kontertor ein und sind dann etwas von der Rolle. In der Folgezeit verkrampfen sie sich mehr und mehr. Brasilien bekommt das Spiel immer besser in dem Griff - und wird Weltmeister!
Nun greife ich noch ein wenig in die Statistik-Kiste, aus der ich weitere Begründungen liefere, warum es diesmal Brasilien packen wird: Seit Beginn der Fußball-Weltmeisterschaften gab es nur Weltmeister, die entweder aus Südamerika, oder aus Europa stammten. Der Weltmeister kam grundsätzlich auch von dem Kontinent, wo die WM stattfand - mit einer Ausnahme: Brasilien ist es als einziger Mannschaft bisher zwei Mal gelungen, diese Regel zu durchbrechen. 1958 haben sie in Schweden den Titel gewonnen und 2006 waren sie in Südkorea und Japan erfolgreich. 2010 findet zum ersten Mal in der Geschichte eine Fußball WM in Afrika statt. Vielleicht gelingt es erstmals einer afrikanischen Mannschaft, bis ins Halbfinale vorzudringen. Für das Finale oder sogar den Weltmeistertitel sind die afrikanischen Teams allerdings noch nicht reif genug. Also kommt der Weltmeister von einem fremden Kontinent. Da die europäischen Mannschaften nie außerhalb Europas den Titel geholt haben und Argentinien und Uruguay dieses bisher auch nur auf dem eigenen Kontinent gelungen ist, bleibt also nur Brasilien übrig.
“Es ist nichts scheißer als Platz zwei.”
(Erik Meijer)
Fotos © PIXELIO
“WM Afrika” von Angela Parszyk
“Fußball Spielbilder-Serie #007″ von Uwe Streinbrich
“Brasilien trainiert für die WM” von Michael Berger
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Fußball WM 2010 (Teil 1) - Wer übersteht die Vorrunde?
“Fußball ist ein Spiel von 22 Leuten, die rumlaufen, den Ball spielen, und einem Schiedsrichter, der eine Reihe dummer Fehler macht und am Ende gewinnt immer Deutschland.”
(Gary Lineker)
♪ ♪ ♫
Jetzt geht’s lo - hos …
♪ ♪ ♫ ♫ ♪ ♪
Olé Olé Olé Olé …
Zu den total abgefahrenen Fußballfans gehöre ich eigentlich nicht. Wenn ich gerade nichts Besonderes zu tun habe, sehe ich mir am Samstag schon mal die Sportschau an, oder schaue das ein oder andere Champions-League-Spiel. Aber alle vier Jahre packt mich der Wahnsinn. Falls es irgendwie geht, sehe ich mir bei einer WM alle Spiele an. Dazu gehören auch so Kracher wie Algerien gegen Slowenien oder Hammerspiele wie Neuseeland vs. Slowakei. In diesem Beitrag verrate ich Euch, welche Mannschaften die Vorrunde überstehen werden. Im nächsten Artikel erfahrt Ihr dann, wer ins Viertelfinale, Halbfinale und ins Finale kommen wird und wie der künftige Weltmeister heißt. Woher ich das jetzt schon weiß?
Nun ja, ich bin halt ein gefürchteter Ergebnis-Tipper und habe bei früheren Weltmeisterschaften schon ganz ordentlich abräumt. Bei der WM 1998 hatte ein Modehaus meines damaligen Wohnortes Höxter einen Wettbewerb veranstaltet, bei dem alle Spiele der Vorrunde getippt werden mussten. Einige Tausend Leute haben sich an diesem Wettbewerb beteiligt, aber ich war derjenige, der den ersten Preis gewonnen hatte: einen Einkaufsgutschein im Wert von 500 DM. Bei der letzten WM hatte einer meiner Lieferanten bundesweit zu einem Gewinnspiel eingeladen. Ich war tatsächlich nur einer von Zweien, der Italien richtig als Weltmeister voraussagten. Außerdem hatte ich sämtliche Mannschaften richtig getippt, die sich für das Viertelfinale qualifizierten und auch gesagt, dass Deutschland Dritter wird. (Angebermodus aus!) Zwei Mal lag ich knapp daneben. Auf Platz vier sah ich die Mannschaft aus England. Die Jungs von der Insel verloren allerdings ihr Viertelfinale gegen Portugal nach Elfmeterschießen. Dann hatte ich noch auf Brasilien als Vizeweltmeister getippt, die aber ihr Viertelfinalspiel gegen die Franzosen vergeigten.
Bevor ich zur WM 2010 komme, erklär ich Euch noch, was mich dazu veranlasst hat, das hier zu schreiben. Palloo Petrov hat in seinem Weblog DeLuXe einen Blog-Karneval zur Fußball WM 2010 gestartet. Wir Blogger sollen einen Beitrag darüber verfassen, wer Weltmeister wird und warum. Bei dieser Aufgabenstellung fühle ich mich allerdings hoffnungslos unterfordert. Deshalb kommt heute meine komplette Vorhersage, welche Teams das Achtelfinale erreichen werden. Der zweite Teil erscheint am Montag. Dann verrate ich Euch alle Sieger der Spiele ab dem Viertelfinale und natürlich den kommenden Weltmeister. Einen dritten Teil zur Fußball WM 2010 habe ich für den 14.06.2010 vorgesehen - einen Tag nach dem ersten WM-Match der deutschen Mannschaft gegen Australien.
Nun sehen wir uns erst einmal die schwer berechenbare Gruppe A an. Dort spielen Franzosen zusammen mit Südafrika, Mexiko und Uruguay. Ich schätze alle ungefähr gleich stark ein. Vielleicht hängen die Urus minimal zurück, aber im Prinzip kann Jeder Jeden schlagen. Mein Tipp: Die “L’Equipe tricolor” bleibt auf der Strecke und das Gastgeberland qualifiziert sich neben Mexiko fürs Achtelfinale. Die Franzosen, die sich nur knapp durch ein “Handballtor” für die WM qualifizierten, ziehen bei diesem Turnier keinen Fisch von der Roste. Mit einen Durchschnittsalter der Spieler von ungefähr 53 Jahren (na ja, ein bisschen übertrieben, aber es geht zumindest in die Richtung) fehlt ihnen die entscheidende Spritzigkeit. Trainer Raymond Domenech wird außerdem auf einige angeschlagene Leistungsträger verzichten müssen, weil diese Schwierigkeiten haben, sich mit ihrem Rollstuhl auf dem Rasen voranzubewegen, oder ihr Altenpfleger keinen Bock hat, ständig darauf zu achten, dass sie auch regelmäßig ihr Doppelherz zu sich nehmen.
Eine spannende Geschichte könnte es auch in der Gruppe G geben. Gleich beim ersten Spiel zwischen der Elfenbeinküste und Portugal gibt es möglicherweise eine Vorentscheidung. Ich denke, dass der Sieger dieser beiden Mannschaften neben Brasilien weiterkommt. Mein Tipp für dieses Spiel ist ein Unentschieden und am Ende hat Portugal die Nase vorn. Falls die Brasilianer die Sache bereits vorzeitig im Sack haben sollten, spielen sie vielleicht im Schongang und Portugal könnte dann im letzten Spiel gegen die “Seleção” noch den entscheidenden Punkt holen.
Und was macht Deutschland? Die holen sich mit zwei Siegen und einem Unentschieden gegen Ghana den Gruppensieg. Später könnte es dann genau wie 2006 zu einem Viertelfinale gegen Argentinien und einem Halbfinale gegen Italien kommen. Letzteres halte ich allerdings für unwahrscheinlich, denn in diesem Jahr gehören die Italiener meiner Meinung nach nicht zu den Favoriten.

Die Vorrunde wird die “Squadra Azzurra” allerdings überstehen: Mit einem Sieg, zwei Unentschieden und einem Torverhältnis von 1:0, oder so ähnlich.
So könnten die Achtelfinal-Paarungen aussehen:
Südafrika - Nigeria
England - Ghana
Deutschland - USA
Argentinien - Mexico
Niederlande - Paraguay
Brasilien - Chile
Italien - Kamerun
Spanien - Portugal
Ich bin mal gespannt, wie oft ich richtig liege!
“In jedem Kader gibt es fünf richtig blöde Spieler. Von denen würde einer auf jeden Fall unter der Brücke landen, wenn er nicht Fußball spielen würde.”
(Hans Meyer)
Foto oben Palloo Petrov / Weblog DeLuxe
Foto unten © : Stefan Bayer / PIXELIO
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Das 7-Tage-Wochenende
Stell Dir vor, Du könntest als Angestellter in einem Unternehmen arbeiten, wo Dich keiner kontrollieren würde. Es wäre völlig egal, ob Du vier oder acht Stunden am Tag arbeitest, vielleicht am einem bestimmten Wochentag komplett frei nehmen würdest, wenn Du Lust hast dafür aber am Sonntag für ein paar Stunden zur Arbeit gingest. Es ist Dir völlig freigestellt, ob Du im Firmengebäude aufläufst. Du kannst meinetwegen auch von zu Hause aus arbeiten, oder Dich in ein Cafe setzen, um etwas für Dein Unternehmen zu tun. Hältst Du Dich aber in Deiner Firma auf und hast das Bedürfnis auf eine längere Pause, dann gehst Du einfach in den Firmengarten und schläfst ein paar Stunden in der Hängematte.
Die Höhe Deines Gehaltes kannst Du selbst festlegen, genau wie Deine Kollegen das auch für sich tun. Es gibt in Deiner Firma keine Personalabteilung. Wenn Du und Deine Kollegen meinen, Verstärkung für Euer Team zu benötigen, dann stellt Ihr einfach jemanden ein. Der Glückliche könnte dann ebenfalls sein Gehalt selbst bestimmen und verfügte natürlich auch über die gleichen Freiheiten wie ihr selbst.
O.K., wenn Du jetzt genug geträumt hast, dann komm jetzt wieder zurück in Deine Wirklichkeit, denn so etwas ist natürlich völlig unrealistisch. Halt, nicht so schnell - das war überhaupt kein Phantasiebild, welches ich gerade gezeichnet habe. Es gibt tatsächlich eine Firma, in der das alles genau so passiert. Dieses Unternehmen hat dabei einen unglaublichen Erfolg. Dem Geschäftführer, der dieses fast schon anarchisch anmutende System installierte, ist es gelungen, seit seiner Übernahme der Leitung den Gewinn von 4 Millionen auf mittlerweile 220 Millionen US-Dollar zu steigern.
Anfang der Neuziger Jahre las ich das Buch “Das Semco System: Management ohne Manager” von Ricardo Semler. Schon damals war ich fasziniert von den völlig neuen Ansätzen, die das brasilianische Unternehmen Semco praktizierte. Längere Zeit habe ich mich nicht mehr mit der Firma befasst, bis ich vor kurzem auf einen interessanten Artikel stieß. Inzwischen hat sich Semco auf gigantische Weise weiterentwickelt und ich möchte ich Euch daher den Beitrag von www.sein.de nicht vorenthalten:
Die Befreiung der Arbeit: Das 7-Tage-Wochenende
Weltweit starren Manager fassungslos auf die Firma Semco: Was dort passiert, widerspricht allem, an was sie glauben. Die 3000 Mitarbeiter wählen ihre Vorgesetzten, bestimmen ihre eigenen Arbeitszeiten und Gehälter. Es gibt keine Geschäftspläne, keine Personalabteilung, fast keine Hierarchie. Alle Gewinne werden per Abstimmung aufgeteilt, die Gehälter und sämtliche Geschäftsbücher sind für alle einsehbar, die Emails dafür strikt privat und wie viel Geld die Mitarbeiter für Geschäftsreisen oder ihre Computer ausgeben, ist ihnen selbst überlassen.
Respekt als Erfolgsrezept
Was für heutige Personalchefs klingen mag, wie ein anarchischer Alptraum, ist in Wirklichkeit eine Erfolgsgeschichte. Seit das Unternehmen von Inhaber Ricardo Semler umgestellt wurde, stiegen die Gewinne von 35 Millionen auf 220 Millionen Dollar. Und nicht nur die Zahlen geben Semler recht, sondern vor allem die Mitarbeiter: Die Fluktuationsrate bei Semco liegt unter einem Prozent.
Das Rezept ist einfach: Behandele deine Mitarbeiter wie Erwachsene, dann verhalten sie sich auch so. Je mehr Freiheiten du ihnen gibst, desto produktiver, zufriedener und innovativer werden sie. Ein Unternehmen besteht aus erwachsenen gleichberechtigten Menschen, nicht aus Arbeitskräften. Jeder hat das Recht, sich frei zu entfalten und eine gesunde Balance zwischen Beruf und Privatleben zu finden. Entgegen allem, was man aktuell zu glauben scheint, machen Druck und Stress Menschen nicht produktiv, sondern ganz einfach nur kaputt. Und dabei verliert das Unternehmen letztlich genauso wie der Mensch.
Es geht Semler um ein neues Verständnis von Arbeit: Eine Firma ist ein Gemeinschaftsprojekt, im besten Fall eine geteilte Leidenschaft. Die Gesellschaft hat uns das allerdings anders beigebracht, wir sollen uns als Steinmetze, Maler und Hilfsarbeiter sehen, nicht als Kathedralen-Schöpfer. Bei Semco sind die Mitarbeiter essenzieller Teil eines Ganzen, sie sind Mit-Schöpfer, nicht bloß ein Rädchen im System. Sie haben Ideen, sie verstehen ihre Arbeit, sie wissen, was sie wert ist.
Vertrauen statt Kontrolle
Aber unsere Personalchefs glauben noch immer, dass man Angestellte kontrollieren muss, über Stechuhren, feste Arbeitszeiten, Produktivitäts-Reports und Email-Spionage. Semco hat das alles aufgegeben und die Kontrolle durch Vertrauen ersetzt - und mal im Ernst: Wer will eigentlich mit Leuten zusammenarbeiten, denen man nicht trauen kann?
Für Semler ist der Kontrollwahn der meisten Unternehmen einfach nur noch verrückt. Seine Mitarbeiter erziehen ihre Kinder und wählen Gouverneure, es sind erwachsene Menschen, die selbst am besten wissen, was sie möchten und brauchen.
“Es ist völlig verrückt, diese Idee, dass die Menschen immer noch so fixiert darauf sind, wie etwas gemacht wird. Bei uns sagt keiner: ‘Du bist fünf Minuten zu spät’ oder ‘warum geht dieser Fabrikarbeiter schon wieder aufs Klo?’ [...] Wenn Du dich bei Semco im Büro umsiehst, sind da immer jede Menge leere Plätze. Die Frage ist: Wo sind diese Leute? Ich hab nicht die leiseste Idee und es interessiert mich auch nicht.
Es interessiert mich in dem Sinne nicht, dass ich nicht sicherstellen möchte, dass meine Mitarbeiter zur Arbeit kommen und der Firma eine bestimmte Anzahl Stunden pro Tag geben. Wer braucht eine bestimmte Anzahl Stunden pro Tag? Wir brauchen Leute, die ein bestimmtes Ergebnis abliefern. Mit vier Stunden, acht Stunden oder zwölf Stunden im Büro - sonntags kommen und Montags zu Hause bleiben. Es ist irrelevant für mich”, erklärt Semler seltsam einleuchtend.
Keine Hierarchie, dafür Teams
Semco ist etwas, dass es laut dem Menschenbild heutiger Manager eigentlich gar nicht geben dürfte. Und wenn doch, dann dürfte es nicht funktionieren. Tut es aber. Drei Fragen hört Semler immer wieder: Macht ihr das wirklich so? Funktioniert es ganz im Ernst? Und: Was jetzt?
Die ersten zwei sind einfach zu beantworten: “Wir machen das jetzt seit 25 Jahren, so ziemlicher jeder, den es wirklich interessiert, ist hergekommen, um zu sehen, ob es wahr ist. Und unsere Zahlen sind über jeden Zweifel erhaben”, sagt Semler selbstbewusst.
Für ihn ist war das Aufbrechen der Unternehmensstruktur von Anfang an keine Traumtänzerei, sondern vielmehr die einzig mögliche Antwort auf unsere unmenschliche Arbeitswelt. Er hat es auf die harte Tour gelernt, wachte selbst erst auf, als er kollabierte und mit Komplett-Burnout in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Das war der Punkt, an dem er beschloss, seine geistige und körperliche Gesundheit nie mehr dem Job unterzuordnen - und das auch von seinen Angestellten nicht zu verlangen. Dass der Wahnsinn ein Ende haben muss.
“Wenn man es sich genauer ansieht, muss man feststellen, dass das traditionelle System nicht funktioniert. Und das ist der Anreiz, sich nach etwas anderem umzusehen” - so einfach sieht Semler das.
Doch es fehlt vielen Unternehmern noch immer schwer, die Kontrolle loszulassen. Denn heutige Firmen sind nicht aufgebaut wie Orte des Schöpfens, sondern wie das Militär: mit einer hierarchischen Machtstruktur, mit Befehlsgebern und -empfängern. Semco hingegen ist in konzentrischen und durchlässigen Kreisen aufgebaut, es gibt keine Arbeitstitel, keine festen Büros. Niemand muss zur Arbeit kommen, ob von zu Hause, aus dem Dschungel oder einem Cafe an der Strandpromenade gearbeitet wird, ist den einzelnen Mitarbeitern und Teams selbst überlassen.
Diese Teams sind das Herzstück von Semco. Die Menschen arbeiten in Gruppen, die jeweils ein Produkt oder ein Zwischenprodukt selbstständig fertig stellen. Wie sie das machen, in welcher Zeit und mit welchem Geld, das ist ihre Sache. Wer zwischendurch schlafen will, geht einfach in den Firmengarten und legt sich für ein paar Stunden in die Hängematte - wer müde ist, macht ja eh nur Fehler.
Die Firma ohne Personalabteilung
Semco hat 3000 Mitarbeiter, aber keine Personalabteilung, da steht dem traditionellen Unternehmer der Angstschweiß auf der Stirn. Wer stellt diese Leute ein? Wer überprüft die Leistung?
Das machen die Angestellten alles selbst. Stellt ein Team fest, dass eine neue Person gebraucht wird, schreibt sie im Intranet der Firma ein entsprechendes Meeting aus. Das ist natürlich freiwillig: Alle können kommen, keiner muss.
“Wir wollen nicht, dass irgendwer in etwas verwickelt wird, was ihn nicht interessiert, deshalb sind alle Meetings freiwillig. Das heißt die Meetings werden bekanntgegeben und wer interessiert ist, kann und wird vorbeikommen und soll in dem Moment den Raum wieder verlassen, wenn es anfängt, ihn zu langweilen”, erklärt Semler die Meeting-Philosophie.
Leute, die mitten in einem Meeting gehen, weil es sie langweilt - das würde so manchen Vorgesetzten in den Wahnsinn treiben. Aber bei Semco sollen eben nur die Menschen eine Entscheidung treffen und tragen, die es unmittelbar angeht und interessiert.
Auf so einem Meeting könnte zum Beispiel beschlossen werden, dass neuer Mitarbeiter gebraucht wird und was er oder sie können muss. Dann wird gemeinschaftlich eine Annonce geschrieben, und sobald die Bewerbungen kommen, werden sie im Team aufgeteilt: Jeder, der möchte, nimmt einfach ein paar mit nach Hause und bringt die interessantesten dann wieder mit. Statt Vorstellungsgesprächen gibt es ein Gruppengespräch mit allen Kandidaten gleichzeitig - auch hier darf kommen, wer will.
Die einzigen Mitarbeiter, die regelmäßig formal bewertet werden, sind jene in Entscheidungs-Positionen - und zwar von allen anderen. Sollte einer dieser Manager wiederholt schlechte Bewertungen kriegen, geht er für gewöhnlich von selbst.
Gruppenzwang
Tatsächlich regeln die Teams fast alles unter sich. Macht jemand keinen guten Job, so wird das im Team diskutiert, oder ein Meeting einberufen. Wer sich ein hohes Gehalt zuteilt, erhöht damit auch die Erwartungen des Teams und den Leistungsdruck. Aber auch die Mitarbeiter haben mittlerweile ein anderes Verhältnis zur Arbeit: Wenn jemand einen Haufen Geld verdient, die ganze Woche eigentlich nur Golf spielt, aber trotzdem einen guten Job macht und seine Aufgaben erledigt - wen kümmert’s dann? Was zählt, ist das Ergebnis.
Eine Studie von CNN hat festgestellt, dass die Mitarbeiter bei Semco eine sehr viel gesündere Balance zwischen Privatleben und Beruf haben, sich mehr Zeit für Beziehungen, Kinder und Hobbys nehmen, aber gleichzeitig auch ungewöhnlich hohen Einsatz und bemerkenswerte Leistungen im Beruf zeigen. Nicht trotz, sondern wegen der Freiheiten. Für Semler ist das wenig verwunderlich: Menschen müssen sich entfalten können, um ihr Potenzial optimal einzubringen.
Und es funktioniert
Semler ist sich sicher: Sein Konzept funktioniert überall. Er selbst hat es in Fabriken ebenso eingesetzt, wie in IT-Büros. Tatsächlich ist es eigentlich andersherum - es funktioniert überhaupt nur so. Unsere derzeitige Arbeitswelt mit ihren Burn-Out-Syndromen, mit Mobbing, Stress, Magengeschwüren und Depressionen funktioniert nämlich eben nicht, sie ist fortgesetzter Wahnsinn.
Es wird Zeit, dass wir eine Gesellschaft erschaffen, in der Beruf wieder mit Berufung und Leidenschaft assoziiert wird, nicht mit Sklaverei und Ausbeutung. In der Menschen wieder freie Entscheidungen treffen können und mit Respekt behandelt werden. In der Privatleben und Arbeit gleichwertig sind – auch für die Vorgesetzten. Es wird Zeit für das 7-Tage-Wochenende!
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Montag, 3. Mai 2010, 14:51 Uhr
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